Letztes Jahr habe ich ganz mutig etwas Neues ausprobiert. Eine Kollegin erzählte mir, dass sie regelmäßig auf den Bodensee zum Stand up paddeln geht. Vielleicht haben Sie diese spezielle Art auf dem Wasser zu sein auch schon mal gesehen. Es sieht so aus, als ob ein Mensch auf einem Surfbrett steht und paddelnderweise über das Wasser gleitet. Ich habe mich immer gefragt, wie man es schafft, dabei nicht ins Wasser zu fallen.  Aber als meine Kollegin mir versicherte, dass es ganz einfach sei, habe ich mir ein Herz gefasst und bin mit ihr an den See gegangen, um mein Glück auf diesem Brett zu versuchen.

Die erste Überraschung: Sie hatte gar kein Brett dabei. Sondern einen großen Rucksack. Aus dem holte sie eine Pumpe, ein Paddel und eine große Rolle. Diese Rolle wurde mit der Pumpe aufgeblasen – und Stück für Stück wurde das Brett sichtbar. Mir war dann doch sehr mulmig, als ich mich, zuerst glücklicherweise mit ihr zusammen, auf dieses Brett begab und wir gemeinsam über den Bodensee glitten.

Der See war still, es war früh am Morgen, das Wasser war so klar, dass wir unter uns die Wasserpflanzen und kleine, wendige Fische sehen konnten. Das Paddel zog leise durchs Wasser und wir entfernten uns langsam von unserem Liegeplatz, die Bäume wurden immer kleiner, das Ufer war fast nicht mehr sichtbar.

 

Um unsere Ziele zu erreichen, brauchen wir andere Menschen

Es war eine wunderbare Erfahrung und ich war glücklich, dass ich dank meiner Kollegin etwas Neues ausprobiert hatte, das mich aus meiner Komfortzone beförderte und mich in eine neue Erfahrung hineinwachsen ließ. Es war ein Gefühl von Weite und Ursprünglichkeit, Leichtigkeit und Losgelöst sein. Ich hatte schon länger den Wunsch gehabt, das Paddeln mal auszuprobieren. Mich aber nicht getraut. Hatte Angst, ins Wasser zu fallen, mich zu blamieren, zu ungeschickt zu sein. Es hatte erst einen Menschen gebraucht, dem ich Vertrauen entgegen bringe, der mir Sicherheit gibt und der damit schon Erfahrung hat. Es hat mir gezeigt, dass ich, wenn ich neue Schritte gehen möchte, die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen brauche. Jemand, der mich an der Hand nimmt, damit ich mein Ziel erreichen kann.

Schon oft in meinem Leben habe ich auf dem Weg zu meinen Zielen die Hilfe anderer Menschen gebraucht. So zum Beispiel, als ich meine therapeutische Ausbildung machen wollte. Nur weil eine Freundin mir das  Geld dafür lieh, konnte ich dieses Ziel verwirklichen. Und weil andere Freunde mir nach vielen Jahren ohne engeren Kontakt sofort anboten, dass ich während meiner Fortbildungstage bei ihnen übernachten kann. Ich hatte dieses Ziel schon lange vor Augen. Aber ich wusste nicht, wie ich es erreichen kann. Nur mit Hilfe und Unterstützung meiner Freunde konnte ich meinen langgehegten Traum verwirklichen.

 

Wir müssen Ziele haben – aber wir müssen icht wissen, wie wir sie erreichen

In einem Interview mit einer Kollegin habe ich gehört, wie sie sagte, dass wir Ziele haben sollen. Aber wir müssen nicht wissen, wie wir sie erreichen. Das hat mich zuerst überrascht. Aber im Verlauf des Gesprächs verstand ich immer besser, was sie meinte. Wenn wir zu sehr in den Zustand der Kontrolle und der Planung gehen und an dem einmal eingeschlagenen Weg festhalten wollen, geben wir dem wichtigsten Ratgeber in uns keinen Raum mehr: Unserer Intuition. Das Leben besteht immer wieder aus der Wechselbewegung zwischen sich auf etwas fokussieren und wieder loslassen. Wenn wir an etwas festhalten, kann es ab einem gewissen Punkt zu einem Gefühl des Anklammerns und Anhaftens kommen. Es fühlt sich anstrengend an, wir verlieren die Offenheit für das, was eigentlich möglich wäre.

Das ganze Leben besteht aus einem Prozess des Loslassens. Immer wieder müssen wir Vertrautes und Liebgewordenes loslassen. Um dann in etwas Neues hineinzuwachsen. Und es wieder loszulassen. Unsere wirklich großen Ziele erreichen wir nicht mit einem perfekten Plan. Wir erreichen sie mit Hilfe und Unterstützung anderer und über Umwege vom geplanten Weg. Auf diesen Umwegen lassen sich jede Menge wichtige Hinweise und Materialien für das Ziel entdecken. Wenn wir sie mit offenen Augen und mit offenem Herzen gehen. Und nicht dem ursprünglichen Weg nachhängen, den wir eigentlich gehen wollten und der uns bei der Planung so perfekt erschien.  Es gibt keinen perfekten Weg zum Ziel. Dazu ist das Leben viel zu wandelbar und überraschend.

 

Setzen Sie sich Ziele, die aus Herzenswünschen entstehen

Eines meiner großen Ziele war der Wunsch, mit Menschen therapeutisch zu arbeiten. Auf dem Weg dorthin gab es Hindernisse. In Deutschland darf man in eigener Praxis nur als Psychologe oder Heilpraktiker arbeiten. Mein Ziel rückte wieder in weite Ferne. Bis ich durch “Zufall” die Idee hatte, als Coach zu arbeiten. Das war ohne Probleme möglich. Zuerst fühlte sich diese Idee sehr fremd und so gar nicht passend an. Aber Stück für Stück wuchs ich in das Neue hinein und merkte: Es ist für mich und die Menschen, die zu mir kommen, genau richtig.

Was wir daraus lernen können: Wir sollen uns Ziele setzen. Ziele, die aus unseren Herzenswünschen entstehen. Aber wir müssen nicht wissen, wie wir sie erreichen. Sondern uns immer wieder auf dem Weg dorthin im Loslassen üben.

So wie ich auf dem Paddelboard in der Mitte des Sees das Paddel einfach zur Seite gelegt und mich habe treiben lassen. Das war nach einer Weile des Paddelns und Vorwärtskommen eine ganz andere, viel intensivere Erfahrung. Das leise Glucksen der Wellen zu hören, die Sonne auf der Haut zu spüren, sich sanft auf dem Wasser schaukeln zu lassen. Und ich konnte mit neuer Kraft weiter auf das Ufer zusteuern.

Fragen Sie sich öfter mal: Wo kann ich das Paddel mal zur Seite legen, loslassen und das genießen, was ist. Im Vertrauen darauf, dass der Weg zu meinem Ziel sich Stück für Stück zeigen wird.

Welche Ihrer Ziele sind vielleicht schon ganz nahe – und Sie können Sie nicht sehen, weil Sie in Gedanken noch mit dem perfekten Weg dorthin beschäftigt sind? Wer oder was könnte Ihnen helfen, den nächsten Schritt zu gehen – vielleicht ganz anders, als Sie gedacht haben.

 

Mit anderen Menschen verbunden sein

Ich durfte schon vielen Menschen helfen, Etappen zu ihrem Ziel zu gehen. So wie mir andere Menschen geholfen haben, durfte ich auch schon unterstützen und begleiten. Dabei hilft mir sehr oft meine Fähigkeit, neue und ungewohnte Perspektiven einzunehmen. Aber vor allen Dingen meine innere Stimme. So habe ich zum Beispiel für eine Freundin ihre Traumstelle gefunden. Ich las Samstags in der Zeitung durch Zufall eine Stellenanzeige – und dachte: Das würde perfekt zu Silvia passen. Ich rief sie an und sie war mehr als begeistert. Denn sie hatte sich schon mal auf diese Stelle beworben, da war sie aber nicht frei. Dann hatte Sie sie aus den Augen verloren – und über mich war genau diese Stelle zu ihr gekommen. So war sie auch auf einem anderen Weg ans Ziel gekommen. Nicht über die Bewerbung, sondern über das Verbunden sein mit einem anderen Menschen.

Vielleicht haben Sie auch schon anderen Menschen geholfen, ihre Ziele ganz anders als gedacht zu erreichen und waren Geburtshelfer für gelebte Herzenswünsche. Das Leben ist immer wieder ein Geben und Nehmen, planen und loslassen, fokussieren und den Blick wieder schweifen lassen.

Sie müssen für sich nur herausfinden und spüren, was Ihre Herzensziele sind. Den Weg dorthin müssen Sie nicht wissen. Er wird sich Ihnen zeigen.