Kennen Sie den Jo-Jo Effekt der persönlichen Entwicklung? Der einen immer wieder in alte Muster zurückwirft und einem das Gefühl gibt, dass man sich sowieso nur im Kreis dreht. Ein Zustand, in dem man der von der Seite der Erfolgserlebnisse immer wieder auf die Seite der Misserfolge wechselt. Und man wird immer frustrierter, weil das, was man eigentlich will, durch die eigenen Anstrengungen in immer weitere Ferne rückt. Klingt ganz schön paradox. Ist aber Teil unseres Menschseins. Und erst, wenn wir das verstanden haben, ist wirkliche Veränderung möglich.

 

Hören Sie mal auf Ihre innere Hintergrundmusik

Mir ist dieses Phänomen in letzter Zeit besonders aufgefallen, wenn meine Klienten sich bemüht haben, liebevoller mit sich selbst umzugehen, freundlicher auf sich selbst und ihre Ecken und Kanten zu schauen. Im Laufe eines Coachings wird nämlich immer klar, wie kritisch der Mensch, der dort vor mir sitzt, normalerweise aus seinem Inneren auf sich selbst schaut. Und das nicht nur ab und zu. Wer öfter inne hält und seinen inneren Anteilen bei ihren Dialogen zuhört, stellt fest, dass sie immer wie eine leise Hintergrundmusik zu hören sind. Aber in der Regel eher mit negativen und bewertenden Kommentaren.

 

Schätzen Sie mal die Anzahl Ihrer täglichen Gedanken

Wenn Sie diese Erfahrung selbst hautnah erleben wollen, dann schließen Sie jetzt einfach kurz die Augen und versuchen Sie für 1 Minute mal an gar nichts zu denken. Und dann multiplizieren Sie die Anzahl der Gedanken, die während dieser kurzen Zeit aufgetaucht sind mit 60 und dann mit 24. Man geht davon aus, dass ein Mensch am Tag zwischen 40.000 und 60.000 Gedanken denkt.

Was schätzen Sie, wie viel Prozent von diesen Gedanken positiv, negativ und unbedeutend sind?

  • 3% positive und hilfreiche Gedanken,
    die Ihnen selbst und/oder Anderen nutzen
  • 25% negative Gedanken,
    die Ihnen selbst und/oder Anderen schaden
  • 72% flüchtige und unbedeutende Gedanken,
    die nur vergeudete Zeit und Energien sind, bzw. die uns in unserer Weiterentwicklung blockieren

Viele dieser negativen Gedanken, die Klienten in sich wahrnehmen, haben auch eine sehr negative Energie, die sich auf den ganzen Menschen ausbreitet. Sätze wie:
Stell dich nicht so an – Mach ja keinen Fehler – Streng dich noch mehr an. Daraus entsteht die Gewohnheit und Überzeugung, sich selbst für wertlos zu halten. In der Regel werden diese Sätze im Laufe unserer Kindheit in uns abgespeichert. Es sind die Sätze, die Menschen von Bezugspersonen hören – und für wahr halten.

 

Der Dalai Lama und die Selbstzweifel

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum Menschen diese tief verankerte Gewohnheit in sich haben.

Dazu gibt es eine Begebenheit mit dem Dalai Lama, die zeigt, dass die Tendenz, uns selbst zu kritisieren und wertlos zu fühlen, auch kulturelle Ursachen hat. Der Dalai Lama traf sich mit einer Gruppe westlicher Gelehrter. Sie fragten ihn, wie man Menschen helfen könne, die unter einem geringen Selbstwertgefühl leiden. Seine Heiligkeit war verwirrt und die Gelehrten mussten ihm erst einmal ihre Vorstellung von Selbstwertgefühl erklären. Er schaute sich im Raum um und fragte: „Wer in diesem Raum hat denn ein geringes Selbstwertgefühl?“ Die Wissenschaftler sahen einander an und antworteten: „Wir alle.“

Aufgrund unserer kulturellen und religiösen Prägung haben wir eine sehr hohe Idealvorstellung von uns selbst, die war nie verwirklichen können. In Ländern, in denen der Buddhismus stärker verankert ist, haben die Menschen wesentlich mehr Selbstmitgefühl.

 

Erst wenn ich perfekt bin, werde ich akzeptiert wie ich bin

Menschen, die sich stark selbst kritisieren, haben von ihren Eltern die Botschaft bekommen, dass sie durch Selbstkontrolle mögliches Versagen vermeiden können. Und erfolgreich und perfekt sein können. In der Regel wollen Eltern ihre Kinder mit ihrer Kritik vor Schaden bewahren: „Sei nicht so schusselig, sonst fällst du hin und brichst dir den Arm“, „Wenn du weiter so schlechte Noten schreibst, wirst du nie studieren können“. Kinder entwickeln die Überzeugung, dass Kritik ein nützliches Motivationswerkzeug ist. Wir speichern diese Kritik in uns ab. Und oft wird sie über Generationen weitergegeben. Menschen, die bei kritischen Eltern aufgewachsen sind, tragen in der Regel die Botschaft in sich, dass sie kein Recht haben, so akzeptiert zu werden, wie sie sind. Sie müssten dazu erst alles richtig und perfekt machen.

Und hier beginnt der Jo-Jo Effekt. Wenn Menschen mehr liebevoller mit sich selbst umgehen wollen, um sich endlich perfekt zu fühlen, ist das eine nicht-lösbare Aufgabe, die einen immer wieder von einer Ecke in die andere wirft.

 

Das Ideal des Perfekt-Seins

So wie Anja, eine Klientin, die zu mir kam, weil sie im Büro immer wieder in Situationen geriet, in denen sie von einer dominanten Kollegin Projekte aufgebrummt bekam, die sie in ihrer Arbeitszeit gar nicht schaffen konnte. Sie nahm sich selbst übel, dass sie es nicht fertigbrachte, endlich mal Nein zu sagen. Sie konnte im Coaching die kritische innere Stimme in sich hören, die ihr immer sagte: Mach es allen recht – streng dich an. Und sie übte, sich stattdessen selbst zu ermutigen und auf sich selbst zu achten. Bis sie eines Tages kam und sagte: „Ich bin einfach nicht gut genug darin, liebevoll zu mir selbst zu sein. Eigentlich bin ich manchmal noch mehr frustriert als vorher, weil ich ja weiß, was ich tun sollte. Und ich schaffe es oft nicht.“ Das ist der Jo-Jo Effekt. Man bemerkt eine Veränderung und freut sich. Und wenn es beim nächsten Mal nicht mehr klappt, ist die Enttäuschung umso größer. Denn der Anspruch ist ja, es sich irgendwann perfekt abgrenzen zu können.

Aber es geht um eine Grundhaltung. In dem Wissen, dass wir so geprägt wurden und vor allen Dingen mit der Erkenntnis, dass kein Mensch perfekt ist. Weil Menschen an sich Fehler machen. Das macht sogar oft erst recht liebenswert und stellt Beziehung her. So lange wir aber dem Ideal des Perfekt-Seins hinterherlaufen, können wir nur scheitern. Und uns selbst immer weiter kritisieren und runtermachen.

 

Der Weg in die Freiheit

Anja begriff schließlich, dass sie sich auch und gerade mit ihren Fehlern lieben darf. Das erleichterte sie sehr. Und sie konnte sich freuen, wenn sie der Kollegin die Stirn bot. Sie begegnete sich selbst mit Mitgefühl und Verständnis, wenn es ihr nicht gelang. Damit begann für sie eine grundlegende Veränderung, die viel leichter war, als sie vorher gedacht hatte. Und sehr befreiend.